Zugfahren in Indien: Quotas, Klassen, Warteliste (Teil 1)

Zugfahren Indien Bahnhof

Du hast dich also entschlossen, nach Indien zu reisen. Ziemlich gute Entscheidung, würde ich da sagen. Bleibt nur noch die Frage, wie du dich vor Ort fortbewegst. Auch, wenn du in dem riesigen Land jede vorstellbare Möglichkeit hast, war für mich klar: ich fahr Zug. Auch wenn du im Flugzeug schneller, im Bus spontaner und im Taxi unabhängiger unterwegs bist. Zugfahren in Indien ist ein unvergleichliches Erlebnis. Nirgendwo kommst du den Indern so nahe wie auf Schienen. Und wenn du einen Nachtzug wählst, dann wachst du am nächsten Morgen nicht nur in einer neuen Stadt auf, sondern hast auch noch eine Übernachtung im Hostel gespart. Klar, das geht im Bus auch, aber wenn du einmal die indischen Straßen siehst, dann weißt du, warum ich jederzeit dem Zug den Vorzug gegeben habe. Da es beim Zugfahren in Indien aber ein bisschen mehr zu beachten gibt, als in anderen Ländern, findest du hier alles, was du wissen musst.

Wichtig ist: in Indien kannst du nicht spontan in einen Zug steigen und ein Ticket kaufen (zumindest nicht offiziell). Indien ist ein richtiges Zugland, die britischen Kolonialisten haben ein riesiges Schienennetz hinterlassen, das in die entlegensten Winkel des Landes reicht. Die indische Bahn ist außerdem mit Abstand der größte Arbeitgeber des Landes. Da Zugfahren in Indien außerdem immer noch sehr günstig ist, ist das halbe Land auf Schienen unterwegs und Tickets oft weit im Voraus ausgebucht. Lass dich davon aber nicht abschrecken. Stornierungen sind bis zum Tag vor der Abfahrt nahezu kostenlos möglich, sodass viele Unternehmen Tickets kaufen, ohne zu wissen, ob ihre Mitarbeiter sie tatsächlich brauchen werden. Buche daher so früh wie möglich und so spät wie nötig.

Zugfahren in Indien: Meine Lieblingsapp

Bevor du mit den Zugbuchen bzw. mit der Reiseplanung für Indien loslegst, solltest du dir unbedingt die App “trainman” herunterladen (verfügbar für iOS, Android und Windows). Die App wird sowohl bei der Planung, als auch vor Ort dein bester Zugfreund sein. Über die App kannst du Zugverbindungen suchen, deinen Buchungsstatus nachvollziehen, sehen, ob dein Zug pünktlich ist, wo sich dein Sitzplatz befindet, auf welchem Gleis dein Zug fährt und wie viele Stationen du noch vor dir hast. Das klingt vielleicht nicht nach sonderlich viel, aber für mich persönlich war die App Gold wert. Sei es die Buchung oder die Fahrt an sich: nichts läuft in Indien so, wie du es gewöhnt bist. Und diese App hilft dir dabei, nicht schon an den einfachsten Dingen zu verzweifeln. Falls du dein Telefon nicht noch mit einer weiteren App belegen willst, kannst du auch die Homepage nutzen, die die gleichen Services abdeckt.

Wenn du mit der Planung und Buchung deiner Zugreise in Indien startest, lohnt es sich schon, die App zurate zu ziehen. Unter “Train Between Stations” kannst du Verbindungen zwischen zwei Städten suchen. Gib dazu einfach einen Bahnhof an deinem Startort (in vielen Städten gibt es mehrere Bahnhöfe) und einen Bahnhof an deinem Zielort ein. Anschließend musst du ein Datum auswählen, eine Klasse (wobei es sich lohnt, hier allgemein zu bleiben und “All Classes” zu wählen) und eine Quota. Aber was zur Hölle ist eine Quota?

Zugfahren in Indien: Quotas

Wenn du ein Zugticket in Indien buchen willst, hast du die Auswahl zwischen zwölf verschiedenen Quotas (Ticketkontingenten). Die meisten dieser Kontingente sind für dich irrelevant. Am wichtigsten für dich ist die General Quota. Tickets aus diesem Kontingent sind für jeden Zug und für jeden Passagier verfügbar. Das Kontingent ist mit Abstand am größten. Tickets der General Quota kannst du bis zu 120 Tage im Voraus am Bahnhof und online buchen. Sind alle Tickets der General Quota verkauft, landest du auf der Warteliste. Wie es dann für dich weitergeht, erkläre ich weiter unten.

Wenn die General Quota ausgebucht ist, hast du auf vielen, aber nicht allen Strecken die Möglichkeit, Tickets aus der Foreign Tourist Quota zu kaufen. Die Tickets sind oft ein bisschen teurer, als die der General Quota. Möchtest du die Foreign Toruist Quota online buchen, musst du in deinem Account eine ausländische Telefonnummer hinterlegt haben. Das war mir persönlich nicht möglich, da die Buchungsseite der indischen Bahn meine Ländervorwahl nicht annehmen wollte. Am Bahnhof hingegen reicht als Nachweis dein Reisepass sowie dein Touristenvisum aus. Buchungen in der Foreign Tourist Quota kannst du bis zu 365 Tage im Voraus vornehmen. Ein Sitzplatz wird dir aber erst 120 Tage vor Abfahrt zugeteilt. Eine Warteliste gibt es nicht.

Zugfahren Indien Quotas

Bist du als Frau allein in Indien unterwegs, kannst du außerdem Tickets aus der Ladies Quota buchen. Dabei handelt es sich um Tickets, die extra für alleinreisende Frauen bzw. Frauen mit Kindern bis 12 Jahren zur Verfügung gestellt werden. Der Preis ist genau der gleiche wie der der General Quota. Wenn die Ladies Quota ausgebucht ist, wird keine Warteliste angelegt.

Falls du älter als 60 Jahre (als Mann) bzw. älter als 45 Jahre (als Frau) oder schwanger bist, hast du die Möglichkeit, Tickets aus dem Lower Berth Kontingent zu erwerben. Dabei handelt es sich um die unteren Betten in den Schlafklassen. Du zahlst den gleichen Preis, wie in der General Quota. Eine gesonderte Warteliste für die Lower Berth Quota existiert nicht.

Wenn du aus den bisher erwähnten Kontingenten kein Ticket für deine Wunschverbindung mehr erhalten hast, kannst du es noch mit der Tatkal Quota versuchen. Die Tickets aus diesem Kontingent werden am Tag vor der Abfahrt um 10 Uhr (für Klassen mit Klimaanlage) bzw. 11 Uhr (für Klassen ohne Klimaanlage) morgens freigeschalten und sind meist innerhalb kürzester Zeit ausgebucht. Du kannst das Kontingent sowohl online als auch am Bahnhof direkt buchen. In jedem Fall musst du schnell sein. Und zwar indisch schnell. Niemand wird auf dich Rücksicht nehmen, wenn es darum geht, an ein Ticket zu kommen. Deine Nerven schonst du mit einer Onlinebuchung definitiv. Hier findest du viele weitere Tipps und Tricks wie du an die begehrten allerletzten Tickets kommst.

Neben der Tatkal Quota testet die indische Bahn auf einigen wenigen Verbindungen die “Premium Tatkal Quota”. Die Tickets werden grundsätzlich nach dem gleichen Prinzip wie Tickets der Tatkal Quota verkauft. Allerdings wird hier zusätzlich der Preis an die Nachfrage angepasst.

Die übrigen sechs Kontingente sind nur für Personen mit bestimmten indischen Papieren zugänglich. Wenn du auf trainman nach Verbindungen suchst, erkennst du verfügbare Tickets daran, dass unter der Verbindung in grün “AVAILABLE” sowie eine Zahl steht.

Zugfahren in Indien: Buchungsklassen

Die Verfügbarkeit der Tickets wird dabei je Buchungsklasse angegeben. Insgesamt stehen dir beim Zugfahren in Indien acht verschiedene Klassen zur Auswahl. In den einzelnen Zügen ist jedoch immer nur eine Auswahl der einzelnen Klassen buchbar (abhängig von der Uhrzeit, der Dauer und dem Start/Zielort sowie völlig unnachvollziehbarer Gründe).

Die meisten Zügen in Indien sind auf sehr langen Strecken (wir reden hier von zum Teil mehreren Tagen) unterwegs. Daher wirst du beim Zugfahren in Indien meistens ein Ticket in einem Schlafwagen buchen. Am teuersten, aber auch luxuriösesten, ist dabei die First AC, also die erste Klasse mit Klimaanlage. Die einzelnen Abteile bestehen aus zwei bis vier Betten und sind mit einer Tür abschließbar. Die First AC Wagen sind die einzigen Wagen im Zug, die mit einer Dusche ausgestattet sind. Anders als in den übrigen Klassen, wird hier Essen direkt im Zug für die Passagiere zubereitet. Die Preise sind, im Vergleich zu den übrigen Klassen, extrem hoch, im Vergleich zur Deutschen Bahn aber immer noch ziemlich human. Wenn für dich nur diese Klasse in Frage kommt, kann sich auf vielen Strecken auch der Umstieg aufs Flugzeug lohnen. Bedenke dabei aber die unterschiedlichen Umwelteinflüsse der beiden Transportmittel. Der Buchungscode lautet 1A.

Viele Touristen wählen beim Zugfahren in Indien stattdessen die Second AC Klasse. Hier hast du ebenfalls eine Klimaanlage. Dein Abteil kannst du nicht mit einer festen Tür abschließen, es stehen lediglich Vorhänge zur Verfügung. Es sind jeweils zwei Betten übereinander angeordnet, sodass du beim Ticketkauf die Wahl zwischen Upper und Lower Berth hast. Ich bin nur einmal in dieser Zugklasse unterwegs gewesen und empfand sie als extrem ruhig. Die Klasse wird eher von wohlhabenderen mittelständischen indischen Familien gebucht. Der Buchungscode lautet 2A.

Die nächstniedrigere (und meine liebste) Klasse ist die Third AC. Hier ist es lauter, lebendiger und voller als in den besseren Klassen, du hast aber trotzdem den Luxus einer Klimaanlage. Die einzelnen Abteile sind hier komplett offen. Pro Wand befinden sich drei Betten bzw. zwei Betten (am Gang) übereinander. Vorhänge stehen nicht zur Verfügung. Für mich persönlich ist das Preis-Leistungsverhältnis in dieser Klasse am besten. Außerdem kommst du hier am schnellsten mit mitfahrenden Indern in Kontakt. Der Buchungscode lautet 3A. Daneben existiert in sehr wenigen Zügen auch die Klasse 3E, die sich von 3A lediglich darin unterscheidet, dass auch am Gang drei Betten übereinander befestigt sind. Falls du dir unsicher bist, ob du lieber 2A oder 3A buchen willst, würde ich je eine Fahrt in der jeweiligen Klasse buchen und abwarten, was dir besser gefällt.

Günstiger wird deine Zugfahrt in Indien, wenn du auf die Klimaanlage und damit auch auf Fenster verzichtest. In der Sleeper Klasse sind die Betten genau wie in 3A arrangiert. Allerdings wird es hier oft extrem heiß (tagsüber) oder extrem kalt (nachts). Anders als in den drei vorgenannten Buchungsklassen wird dir hier kein Bettzeug zur Verfügung gestellt. Du solltest also unbedingt einen Schlafsack dabei haben. In der Sleeper Klasse wird es oft extrem voll und laut. Dazu kommen an den Stationen zahlreiche Verkäufer, die in den AC-Klassen nicht zugelassen sind. Der Buchungscode lautet SL. Auch wenn ich definitiv 3A vorziehen würde, ist die Sleeper Klasse definitiv eine Alternative, falls du sonst kein Ticket oder keinen aussichtsreichen Warteplatz erhältst. Stelle dich aber auf wenig Privatsphäre, extreme Temperaturen und eine hohe Lautstärke ein.

Einige Züge sind nicht (nur) mit Schlafwagen, sondern auch mit Sitzwagen ausgestattet. Die beste Buchungsklasse für Sitze ist die AC Executive Klasse. Dort sind zwei mal zwei sehr plüschige Sitze pro Reihe angeordnet. Der Wagen hat außerdem geschlossene Fenster und eine Klimaanlage. Die Preise sind vergleichbar mit 1A und beinhalten in den meisten Fällen eine Verpflegung zu den fünf indischen Mahlzeiten. Der Buchungscode lautet EC.

Das sitzende Equivalent zu 3A ist der AC Chair Car. Hier sind zwei mal drei Sitze pro Reihe angeordnet. Ähnlich wie in der EC befindet sich auch in dieser Klasse eine Klimaanlage und geschlossene Fenster. Außerdem ist eine Verpflegung zu den fünf indischen Mahlzeiten meistens im Ticketpreis inkludiert. Ich empfand unsere Reisen in dieser Klasse als sehr angenehm. Der Preis ist meist etwas günstiger als 3A, aber teuerer als SL. Der Buchungscode lautet CC.

Die niedrigste Sitzklasse ist Second Seating. Analog zu SL sind die Wagen nicht mit einer Klimaanlage und nur mit Gittern vor den Fenstern ausgestattet. Theoretisch sind drei mal drei Sitze pro Reihe angeordnet, praktisch handelt es sich aber oft um Holzbänke, auf die typisch indisch eine beliebig große Anzahl an Menschen gequetscht werden kann. Für diese Buchungsklasse existieren reservierte und nicht zu reservierende Wagen. Insbesondere die nicht zu reservierenden Bereiche werden extrem voll und ergeben dann das indische Klischeebild, auf dem ein Abteil so überfüllt ist, dass Menschen halb aus dem Zug heraushängen. Der Buchungscode ist 2S.

Zugfahren Indien Klassen

In einigen wenigen Zügen besteht noch die alte Buchungsklasse “First Class”. Die Anordnung in diesen Wagen entspricht der 2A, jedoch ohne Klimaanlage. Auf den typischen Touristenstrecken ist diese Klasse nicht relevant.

Zugfahren in Indien: Platzwahl

Falls du tagsüber Zug fährst und die Wahl hast, einen richtigen Sitzplatz zu buchen (CC oder EC), würde ich diesen jederzeit einem Schlafwagen vorziehen. Dort macht es auch keinen großen Unterschied, für welchen Platz du dich entscheidest. Im Schlafwagen ist die richtige Platzwahl dagegen schon deutlich entscheidender für deinen Komfort beim Zugfahren in Indien. Ich persönlich würde unabhängig davon, ob du nachts oder tagsüber fährst, immer das oberste Bett vorziehen. Das unterste Bett dient tagsüber bzw. manchmal auch solange, bis du deine Mitreisenden von der Schlafenszeit überzeugen kannst, als Sitzfläche für alle Passagiere, die einen Platz in deinem Abteil haben. Das heißt, wenn du ein unteres oder mittleres Bett reserviert hast, bist du dazu gezwungen, tagsüber zu sitzen. Gehört dir aber das oberste Bett, dann kannst du dich auch tagsüber mal schlafen legen. Außerdem musst du morgens nicht mit den ersten Passagieren, die in deinem Abteil sitzen wollen, aufstehen, und kannst abends so früh wie du möchtest ins Bett krabbeln. Die Nachteile des obersten Bett sind deine Position, zwei Meter über dem Boden (ich persönlich habe mich allerdings nie unsicher gefühlt) und dass du dein Gepäck ggf. nicht in deiner unmittelbaren Nähe hast. Für mich persönlich waren das keine echten Nachteile, aber vielleicht schätzt du die Situation für dich ja anders ein.

Zugfahren in Indien: Warteliste

Wenn du nun über trainman nach Verbindungen zwischen zwei Städten suchst, werden dir unterhalb der Reihe mit den vorhandenen Buchungsklassen die aktuellen Verfügbarkeiten angezeigt. Dir wird in grün die Verfügbarkeit für die gerade orange hinterlegte Buchungsklasse angezeigt. Sollte dir kein “AVAILABLE” angezeigt werden, dann hast du entweder die Möglichkeit, eine “Reservation Against Cancelation” (RAC) vorzunehmen oder du kannst du deinen Namen auf die Warteliste eintragen lassen. Wenn du vor deinem Abfahrtstag eine Buchung in RAC vornehmen kannst, dann ist es höchstwahrscheinlich, dass du am Reisetag auch ein Bett bekommst. Sollten keine Tickets aus diesem Bereich mehr verfügbar sein, stehen dir Wartelistentickets zur Verfügung. Trainman zeigt dir dabei sowohl deinen aktuellen Wartelistenplatz, als auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich dein Wartelistenplatz bis zur Abfahrt in ein echtes Ticket umwandelt, an. Entscheide dich also am besten für die Verbindung und die Klasse mit der höchsten Wahrscheinlichkeit.

Aufgrund der Möglichkeit, bis zum Tag vor der Abfahrt zu stornieren, finalisiert die indische Bahn erst am Abfahrtstag die Platzlisten. Das heißt, du erfährst erst an deinem Abreisetag, ob du mitkommst oder nicht. Gib also an dem Tag, für den du dich auf die Warteliste eintragen lassen hast, deine PNR bei trainman ein. Wird dir nun eine Wagen- und Sitzplatznummer angezeigt, dann geht alles klar und du kannst dich ganz normal auf die Reise begeben. Wird dir angezeigt, dass du ein RAC Ticket ergattert hast (erkennbar daran, dass vor dem Wagenbuchstaben ein “R” steht), wird es etwas komplizierter: Mit diesem Ticket hast du die Berechtigung den Zug zu benutzen, den du dir ausgesucht hast.  Dir steht allerdings kein komplettes Bett zu, sondern nur ein halbes. Tagsüber ist das kein Problem, sitzend kann man sich die Liegefläche gut teilen. Nachts kann es dafür aber ziemlich eng werden. Tatsächlich hatten wir aber trotz RAC Tickets nie Probleme, ein ganzes Bett zu ergattern. Oft finden auch nach der Erstellung der Platzlisten Stornierungen statt, die dann nicht mehr an dein Ticket weitergegeben werden können. Die Schaffner sind dazu verpflichtet, Betten, die nicht benötigt werden, an RAC Passagiere zu verteilen, die sich ansonsten ein Bett teilen müssten. Und das funktioniert ziemlich oft ziemlich gut.

Das war der erste Teil meiner Serie zum Zugfahren in Indien. Im zweiten Teil findest du Hinweise zur Ticketbuchung sowie die Tipps für die Fahrt und die Ankunft. (folgt)

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