Von Peru nach Kolumbien: Die längste Busfahrt meines Lebens

Mancora Bus

Zehn Tage bin ich um die Cordillera Huayhuash gewandert. Definitiv eine der schönsten Erfahrungen meiner Weltreise, aber gleichzeitig auch nicht unbedingt einfachste. Da uns das schon vorm Start der Wanderung klar war, haben wir direkt das entsprechende Erholungsprogramm für danach organisiert: Ein Nachtbus nach Trujillo, dort ein Tag am Strand in Huanchaco und am Abend schließlich der Nachtbus ins Paradies: ins nordperuanische Mancora.

Busfahrt Peru – Kolumbien: Entspannung in Mancora

Mancora stand nie wirklich auf unserer To-Do-Liste für Peru. Stattdessen hatten wir große Pläne für Erkundungen im bergigen Norden von Peru. Dem sollte schließlich die dreitägige Fahrt über Amazonaszubringer nach Inquitos folgen. Die größte Stadt der Welt, die nicht über Land zu erreichen ist, sollte für uns Ausgangspunkt für eine Tour in den Amazonas und der letzte peruanische Ort vor der Überfahrt nach Kolumbien sein. Aber Pläne sind ja nunmal dazu da, über den Haufen geworfen zu werden. Peru hatten uns ganz schön in der Mangel. Und so schön unser Huayhuash Trekking auch war, eins stand für uns nach mehr als fünf Wochen Peru fest: Irgendwie soll es nicht so richtig sein mit uns und Peru.

Mancora Entspannung

Außerdem freuten wir uns schon riesig auf Kolumbien, auf die Wärme und darauf, endlich mal unsere Sommerklamotten aus dem Rucksack holen zu können. Mancora kam da eigentlich genau richtig für uns. Die Kleinstadt im Norden Perus hat tendenziell viel besseres Wetter als die südlicheren Strandorte. Mitte Juli, als wir dort waren, war außerdem die kälteste Zeit des Jahres. Das hieß, der Ort war an vielen Stellen wie ausgestorben. Für uns war die „Kälte“ nach Wochen in den Anden aber immer noch mehr als angenehm und so konnten wir uns ein paar Tage einfach nur die Sonne auf den Bauch scheinen lassen und nichts tun, außer Ceviche essen.

Blöd nur, dass uns nicht klar war, in was für einem Paradies wir in Mancora landen würden. So hatten wir mit einer für uns typisch peruanischen Erfahrung gerechnet und zum ersten Mal seit Ewigkeiten einen Weitertransport organisiert, bevor wir überhaupt in Mancora waren. So viel war eine Stunde nach unserer Ankunft im Paradies klar: Das würde uns so schnell nicht wieder passieren. Wir verzichteten aber auf eine Änderung und erholten unsere müden Glieder in den verbleibenden Tagen maximal möglich.

Busfahrt Peru – Kolumbien: Warum nicht mit dem Flugzeug?

Wenn du in Südamerika zwischen zwei Ländern fliegen willst, dann wirst du dir bestimmt erstmal die Augen reiben. Internationale Flüge sind auf dem Kontinent so teuer wie nirgends auf der Welt. Innerhalb eines Landes kannst du Glück haben und eine Billigairline erwischen oder ein halbwegs gutes Angebot. Aber sobald dich das Flugzeug über eine Landesgrenze tragen soll, wird es verdammt teuer. Dazu kam für uns, dass wir bereits ganz im Norden von Peru waren und unser Ziel ziemlich weit im Süden Kolumbiens lag. Es wäre also nicht nur Geld- sondern auch Zeit- und CO2-Verschwendung gewesen, zurück nach Lima zu fliegen, dort einen Flug nach Bogotá zu nehmen und dort noch einmal in den Flieger nach Cali zu steigen.

Da unsere Weltreise ja kein festen Enddatum hatte, mangelte es uns also nicht an Zeit, sondern wir mussten eher auf den zweiten Faktor achtgeben: Geld. Also haben wir den Flugplan begraben und uns auf die Suche nach einer Busverbindung gemacht, die uns ohne großen Aufenthalt einmal mitten durch Ecuador bis nach Cali bringt. Tatsächlich gibt es an zwei Tagen pro Woche eine Direktverbindung von Mancora bis nach Cali. Das klang nach der perfekten Lösung für uns. Durchgeführt werden sollte die unendliche Busfahrt von Cruz del Sur. Das größte peruanische Busunternehmen hatte uns in den vergangenen fünf Wochen schon ziemlich oft sicher von A nach B gebracht. Die Nachtbusse sind mit breiten und bequemen Sitzen außerdem unsere persönliche Nummer eins in Südamerika gewesen. Was sollte also schiefgehen?

Busfahrt Peru – Kolumbien: Start in Mancora

Da der Bus aus Lima anrollte, verschob sich unsere Abfahrtszeit immer weiter nach hinten. Also saßen wir unser Sitzfleisch schon einmal probehalber im Wartesaal von Cruz del Sur ab. Verspätungen waren wir nach mehr als vier Monaten in Südamerika bereits gewöhnt. Irgendwann am späten Nachmittag fuhr dann endlich unser Bus ein. Als einzige Passagiere gaben wir in Mancora unser Gepäck ab und stiegen ein. Nachdem wir die wenigen Treppenstufen gemeistert hatten, konnten wir unseren Augen kaum trauen: Das war alles andere als der komfortable Nachtbus, den wir erwartet hatten. Keine bequeme Sitzbreite, keine Polster, eine nur minimal zu verstellende Lehne und ganze vier Sitze pro Reihe. Das war dann wohl unser persönlicher Albtraum für die nächsten 34 Stunden.

Als wir schließlich zusammengequetscht saßen, konnten wir uns erst einmal in Ruhe umschauen – und stutzen erneut. Wir waren umgeben von Südamerikanern, die scheinbar eine große Familie waren. Oder ist das eine Gruppenreise? So richtig war uns nicht klar, was vor sich geht. Aber bevor wir uns weiter in unseren Gedankenspielen verlieren konnten, stand schon der erste Grenzübergang an. Also alle raus aus dem Bus und rüber über die Grenze nach Ecuador. Das ganze Prozedere verlief ziemlich problemlos und so saßen wir schneller wieder in unserem mobilen Zuhause auf Zeit, als uns lieb war. Mittlerweile war die Sonne untergegangen und unsere letzte Ceviche schon ein ganzes Stück her.

Busfahrt Peru – Kolumbien: Eine absurde Nacht

Wie in Südamerika üblich, hatten wir uns darauf eingestellt, dass der Bus an der ein oder anderen Raststätte hält, um die Mägen von Passagieren und Fahrern zu füllen. Aber hier wurde es später und später, unsere Snacks hatten wir bereits nahezu aufgebraucht und so langsam verdrängte die Müdigkeit den Hunger. Nachdem wir dann bereits mehrfach weggenickt waren (an echten Schlaf war in diesem Käfig sowieso nicht zu denken), lenkte unser Fahrer doch tatsächlich kurz vor Mitternacht in den nächsten Imbiss ein. Langsam wurden dann auch alle Insassen wach und kaum standen wir draußen, verzog sich der Bus. Angeblich zu Tankstelle. Aber wir blieben misstrauisch. Am Imbiss angelangt, machten sich alle anderen Passagiere daran, Tische zusammenzustellen und Stühle heranzuschaffen.

Nachdem ich nur zwei Minuten im nächsten Tienda ein paar dringend benötigte Snacks besorgt hatte, überrascht mich die Situation, die ich erblicke, dann doch noch: Inmitten unserer vermeintlichen Reisegruppe sitzt Johann und hält mir einen Platz frei. Von neugierigen Fragen durchlöchert haben wir die riesigen Portionen Asado dann irgendwie hinuntergebracht und gezahlt. Natürlich nicht den eigentlich vereinbarten Preis, sondern den von unseren Mitreisenden ausgehandelten Gruppenrabatt. Irgendwo zwischen all der Aufregung klärte mich Johann dann kurz über die Fakten auf, die gestreut wurden, als ich zwei Minuten weg war: Hier ist keine Reisegruppe unterwegs. Kein einziger Passagier kennt den anderen. Alle Mitreisenden sind Kolumbianer, die im reichen Chile (legal und illegal) gearbeitet haben. Nach Monaten im Süden sind sie jetzt auf dem Weg zurück in die Heimat. Und weil das per Flugzeug bekanntlich ziemlich teuer ist, fahren sie eben mit dem Bus ganze 6.199km von Santiago de Chile bis nach Bogotá.

Zurück im Bus ging die Fragerei dann in eine neue Runde: „Wie alt seid ihr? Seid ihr verheiratet? Warum nicht? Habt ihr Kinder? Warum nicht? Warum seid ihr hier? Warum fliegt ihr nicht? Wo ward ihr schon? Warum seid ihr nicht zu Hause? Welchen Beruf habt ihr?“ Alles Fragen, die wir in den letzten Monaten bereits hunderte Male gehört hatten. Aber dort in diesem Bus, irgendwo in der ecuadorianischen Nacht, war die Situation besonders absurd: Eingequetscht auf unseren Minisitzen waren wir umringt von Kolumbianern, die nicht so recht glauben wollten, was sie da vor sich sahen. Da saßen doch tatsächlich zwei Gringos und nahmen diese unsagbar nervtötende und unendlich lange Busreise auf sich.

Busfahrt Peru – Kolumbien: Quer durch Ecuador

Irgendwann kehrte dann tatsächlich Ruhe ein und wir konnten ein paar Stunden lang versuchen die Augen zuzumachen. Aber kaum ging die Sonne auf, wartete schon die nächste Aufregung: Wir hielten in Quito! Die aus dem Bus für südamerikanische Verhältnisse ziemlich US-amerikanisch wirkende Großstadt hielt noch zwei weitere Passagiere für uns bereit. Frühstück war dort übrigens nicht vorgesehen, dafür sollten wir mal wieder deutlich zu spät (zumindest nach unserer Ansicht) an einer Raststätte halten. Nachdem sich alle Passagiere dann auch irgendwann von diversen Toilettengängen und Einkaufstouren wieder eingefunden hatten, ging es auch schon weiter. Einmal quer durch den morgendlichen Berufsverkehr von Quito.

Landschaft Kolumbien

Irgendwann lag die Großstadt dann hinter uns, wir hatten eine Frühstücks-Mittags-Tank-Pause hinter uns gebracht und die saftig grüne Landschaft Ecuadors zog an uns vorbei. Das war dann doch schon ziemlich anders als alles, was wir in den letzten Monaten gesehen hatten. Keine kargen Berge mehr, keine Kälte und keine schneebedeckten Gipfel. Stattdessen Wärme, Sonne, tiefhängende Wolken und Grün soweit das Auge reicht. Der Blick aus dem Fenster steigerte unsere Vorfreude auf Kolumbien ins Unermessliche. Aber nicht nur das Geschehen außerhalb des Busses, auch unsere Mitreisenden im Bus waren der frühe Beweis dafür, dass Kolumbien ein ganz besonderes Reiseziel für uns werden sollte.

Wir hatten mittlerweile mit jedem einzelnen Fahrgast Freundschaft geschlossen, wurden in jedes Zuhause eingeladen und auf jedes regional beste Essen in Kolumbien hingewiesen. In unseren vier Monaten Südamerika zuvor ist uns nirgendwo schlechte Laune, Unhöflichkeit, Neid oder Missgunst entgegengeschlagen. Aber die Freundlichkeit, Offenheit und Herzlichkeit mit der uns unsere Busfreunde begegneten, hatten wir nirgendwo sonst so intensiv erlebt. Und tatsächlich sollte Kolumbien das Land auf unserer Weltreise werden, in dem wir schönsten Begegnungen mit anderen Menschen hatten.

Busfahrt Peru – Kolumbien: Einreise Kolumbien

Schneller als gedacht ließen wir schließlich Ecuador schon wieder hinter uns und standen an der Grenze zu Kolumbien. Nachdem die Ausreise aus Ecuador eine kleine Geduldsprobe darstellte, war die Einreise nach Kolumbien schnell erledigt. Die Stimmung im Bus war danach unbeschreiblich: Unsere Freunde waren zum Teil seit fast einem Jahr nicht mehr Zuhause gewesen, sie hatten in Chile unter mitunter einfachsten Bedingungen gelebt, um möglichst viel Geld mit zurück zu ihren Familien bringen zu können. Und dann saßen sie seit mehr als vier Tagen in Bussen, um auch bei ihrer Rückreise kein unnötiges Geld auszugeben. Zurück in ihrer Heimat, brach dann aus so ziemlich allen Mitreisenden die kolumbianische Leidenschaft heraus. Da wurde geschrien, geweint und sich so sehr gefreut, wie wir es selten erlebt hatten. Ein Moment, den wir beide wahrscheinlich nicht so schnell vergessen werden.

Die kolumbianische Landschaft vor unserem Fenster verschwand leider viel zu schnell im Dunkel der Nacht. Und damit fanden dann auch ein oder zwei gruselige Gedanken den Weg in meinen Kopf: Auch wenn Kolumbien für Touristen inzwischen ein meist unbedenkliches Reiseland ist, wird an der ein oder anderen Stelle doch davon abgeraten, nachts mit dem Bus Überland zu fahren. Besonders der Süden des Landes sollte trotz Friedensvertrag mit der FARC noch beliebtes Gebiet für Rebellen, Paramilitärs und Wegelagerer sein. Uns wurde zwar von unseren Mitreisenden versichert, dass unsere Strecke kein Problem sein würde. Aber der erste Tag in einem neuen Land ist eben schon ein wenig dazu da, sein Bauchgefühl neu einzustellen und erst einmal abzutasten, welche Sicherheitsvorkehrungen angebracht sind.

Und so standen wir natürlich keine Stunde später bereits in einer Polizeikontrolle. Eine gefühlte Ewigkeit wurde das gesamte Gepäck ausgeräumt, untersucht und wieder eingeräumt. Dann mussten auch noch einzelne Passagiere aussteigen und Erklärungen zu Koffern und Säcken abgeben. Die Stimmung war dann nicht nur bei uns ein wenig angespannt, auch unsere kolumbianischen Freunde drückten sich sichtlich nervös die Nasen an den Busfenstern platt. Aber irgendwann war die Kontrolle dann vorüber, alle saßen wieder im Bus und unser Gepäck war offensichtlich auch vollständig geblieben.

Busfahrt Peru – Kolumbien: Ankunft in Cali

Fehlte nur noch ein erneut absurd später Stopp zum Abendessen und schon waren wir an unserem Ziel angelangt – Cali. Nur leider fünf Stunden früher (!) als erwartet. So standen wir also in einer der angeblich gefährlichsten Städte des Landes, mitten in der Nacht, am Busbahnhof, ohne lokale SIM-Karte, mit all unserem Hab und Gut und mit einer Couchsurfing Zusage für den nächsten Vormittag. Wir brauchten eindeutig einen neuen Plan, und zwar lieber früher als später. Bevor wir uns aber überhaupt Gedanken machen konnten, tippte uns die beste Lösung aller Zeiten auf die Schulter: Miguel. Im Bus hatten wir mit ihm besonders lange gesprochen und jetzt, nachts um zwei, lud er uns tatsächlich dazu ein, die verbleibende Nacht bei ihm daheim zu verbringen.

Cali Bus

Kurz kam der Gedanke auf, dass das auch eine ziemlich gute Taktik sein könnte, um uns abzuziehen. Aber nach mehr als einem halben Jahr auf Weltreise hatten wir unser Bauchgefühl extrem gefestigt und wussten, wir konnten uns darauf verlassen. Also sagten wir zu, gingen einmal um den Busbahnhof herum und wurden auf der anderen Seite, von Miguels wunderschöner Frau und ihrer Tochter in einem viel zu kleinen Auto abgeholt. Geschlafen haben wir in dieser Nacht übrigens trotzdem kaum, schließlich wurden wir erst noch bekocht, bevor wir uns noch stundelang über Kolumbien und das Leben der Drei in diesem verrückten Land unterhalten haben.

Wenn du also das nächste Mal überlegst, ob du dir so etwas absurdes wie eine mehr als 30-stündige Busfahrt antun sollst: Von mir ein ganz klares JA!

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4 Kommentare

  1. Sehr schön der Bericht.
    Es gibt einen Bus, der von São Paulo na Santiago do Chile fährt: 72 Stunden.
    Ich selber bin einmal von João Pessoa mit dem Bus nach Montevideo gefahren.
    48 Std. bis São Paulo dann 16 Std. Aufenthalt dann weiter mit dem Bus nochmal 36 Std. Viel schöner als fliegen.
    Man sieht die Landschaften vorüber ziehen, den Wechsel der Vegetation.
    Viel Spass noch auf eurer Reise!

    • Hallo Jens,
      vielen Dank! Ich ziehe den Bus auch vor, wo es denn geht. Außerhalb von Südamerika gefällt mir das nur das Zufahren noch besser.
      Viele Grüße,
      Saskia

  2. Hallo Jens,
    Interessant, dass wir fast gleichzeitig auf diesen Blog gestossen sind.
    Übrigens habe ich am 23.3.19 einen Flug nach Bogota. Zum 4. Mal also. Aber ich „musste“ Meilen verbrauchen.
    Saskia, unbedingt auch nach Mompox fahren, für mich die schönste Kolonialstadt Kolumbiens.

    • Oh, wie gern wäre ich nach Mompox gefahren, beim letzten Mal war zeitlich aber leider nicht mehr drin. Für die nächste Kolumbienreise steht es aber definitiv ziemlich weit oben auf meiner Liste.

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